Ansprache Julienne Franke

IntraRegionale 2026 – Insekten in der Kunst

Sina Heffner

Biozönosen 52,31°N 9,60°O

Liebe Kolleginnen und Kollegen der IntraRegionale und des Insektenbündnisses, liebe Sina Heffner, liebe Künstlerinnen und Künstler, sehr geehrte Damen und Herren.

Wir stehen hier vor dem ehemaligen Brauereiteich von Gehrden. Das Braurecht war seit dem Mittelalter ein Vorrecht für einzelne Grundstücksbesitzer, die es selbst ausübten oder verpachteten und davon wirtschaftlich profitierten. In Gehrden bestand das Braurecht seit 1298. Die hannoversche Brauergilde klagte dagegen, weil es eine Konkurrenz darstellte, verlor aber 1694 den Prozess. Solche Bierkriege waren ab dem Hochmittelalter verbreitet. Privilegen und wirtschaftliche Vorteile sind klassische Ursachen für Kriege, die mit Waffen oder vor Gericht ausgefochten werden. Seit 1666 lieferte der Brauereiteich das Wasser zum Brauen in Gehrden, das Brauhaus, das noch steht, beherbergt seit 1975 das Stadtmuseum.

Sina Heffner hat sich also einen geschichtsträchtigen Ort für ihre Arbeit ausgesucht, die sie im Rahmen der IntraRegionale 2026 zum Thema „Insekten in der Kunst“ erstellt hat. Ein zweiter Teil wird im Rathaus präsentiert. Die Ausstellung trägt den Titel Biozönosen 52,31°N 9,60°O. Unter Biozönosen versteht man eine Gemeinschaft von unterschiedlichen Lebewesen, die miteinander in Verbindung stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Wichtig ist ein Gleichgewicht zwischen den Lebewesen, um ein stabiles Ökosystem zu bilden. Die Koordinaten verweisen auf den Standort, an dem der Brauereiteich sich befindet.

Das Interesse an Lebensräumen und Naturerfahrungen ist eine Konstante im Werk von Sina Heffner, die dabei oft einen Ortsbezug herstellt. Das Wasser ist mit Blick auf die Evolution ein wichtiger Lebensraum bei der Entstehung der Arten. Mit ihrem Werk lenkt die Künstlerin den Blick auf einen Lebensraum, ohne in die biologischen Abläufe einzugreifen. Im Brauereiteich wurden vier Keimlinge platziert, die an eine Pflanze erinnern, sich gleichzeitig aber noch in einer Art Metamorphose befinden.

Man sieht jeweils noch das Samenkorn, aus dem sich ein Stängel in unterschiedlicher Länge herausgeschoben hat. Am Ende befindet sich ein mehr oder weniger eingerollter Bestandteil, dessen Form variiert. Es könnte ein Blatt werden wie bei einem sich entrollenden Farnblatt, aber auch Blütenblätter sind erkennbar. Diese erinnern jedoch gleichzeitig an Flügel eines Insekts, das sich aus einer Raupe entwickelt oder Ohren von Hasen, so dass noch offenbleibt, was letztendlich dort wächst oder schlüpft.
Sind es rätselhafte Libellen oder doch riesige Sonnenblumen? Wird es eine fleischfressende Pflanze oder eine Schnecke? Wächst ein Hefepilz oder eine Bierblume aus dem ehemaligen Brauereiteich? Hier nützt jedenfalls kein Bestimmungsbuch oder die flora incognita App, denn eine neue Spezies scheint sich anzukündigen.

Metamorphosen, die u.a. bei Insekten wie dem Schmetterling vorkommen, faszinieren stets aufs Neue und waren lange Zeit rätselhaft. Der Zusammenhang zwischen einer kriechenden Raupe und einem fliegenden Schmetterling herzustellen, war nicht offensichtlich und mit dem göttlichen Schöpfungsgedanken vielleicht nicht in Einklang zu bringen. Erst die Naturwissenschaft und die Evolutionsgeschichte lieferten die entsprechenden Erklärungen dafür. Dennoch bleibt ein Rest rätselhafter Alchemie bei manchen Vorgängen wie der Gärung beim Bierbrauen oder beim Aufgehen des Hefeteigs beim häuslichen Backen, weil die Tätigkeit durch unsichtbare Organismen erfolgt.

Die Skulpturen bzw. Installationen von Sina Heffner zeigen etwas von der Rätselhaftigkeit eines Wachstumsprozesse. Sie sind nicht naturalistisch bis ins Detail, beruhen jedoch auf Naturformen. Eine abstrahierte Formensprache und die fehlende Farbe bzw. das Weiß erschwert die Zuordnung zu einer bestimmten Pflanzen- oder Tierart. Weiß bringt eine gewisse Neutralität mit, eine Reinheit wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, das noch auf eine Farbgebung, eine Musterung oder Beschichtung wartet. Weiß ist auch die Kleidung in Laboren oder bei ärztlichem Personal, wo die Hygiene eine große Rolle spielt, weil wissenschaftliche Versuche oder Behandlungen stattfinden. In der alltäglichen Umgebung hier in Gehrden heben sich die weißen Skulpturen wie eine Leerstelle oder ein Fremdkörper von der Umgebung ab. Ob sie bis zum Ende der Ausstellung am 19.7. so weiß bleiben und wie sich das Geschehen im Brauereiteich entwickelt, kann am besten vor Ort beobachtet werden.

Rathaus

Für den zweiten Teil der Ausstellung wechseln wir vom Außenraum nach drinnen, vom Brauereiteich in die Verwaltung, von einem naturnahen Wildwuchs zur nüchternen Ordnung.

Die Präsentation von Sina Heffner konzentriert sich auf einem einfachen Gestell, das eigens für die Ausstellung hergestellt wurde. Es erinnert an ein Depot im Naturkundemuseum oder ein Forschungslabor, in dem auf engem Raum unterschiedliche Exponate oder Versuchsanordnungen aufgebaut sind.

Auf der obersten Ebene befinden sich Schmetterlingsschatullen, individuell angepasste Aufbewahrungsbehälter für die zarten Insekten, die auf ihre Kostbarkeit verweisen. Trotz der neutralen Farbe in Weiß verraten sie bereits etwas von der Größe und dem Wesen der Schmetterlinge, da die Flügel teils unterschiedlich groß sind und die Form der Bewegung beim Fliegen angepasst ist. Nicht eine starre Fixierung, sondern eine gewissen Lebendigkeit spiegelt sich in der Form. Hineinschauen können wir nicht, vielleicht sind sie noch leer, vielleicht befindet sich bereits ein Exponat darin, dessen Farbe und genaues Aussehen der Phantasie überlassen bleibt.

Forschung hat ja viel mit Neugier zu tun, entweder um Zusammenhänge zu verstehen, Artenvielfalt zu dokumentieren, biologische oder chemische Prozesse zu analysieren u.a.m. Diese Neugier wird bei den Objekt- oder Nistkästen geweckt, die unterschiedlich groß sind und verschieden große Öffnungen haben. Hier können wir direkt hineinzuschauen, was bei Nistkästen in der Natur nicht möglich ist. Ersetzt wird die direkte Beobachtung heute zum Teil durch Kameras, die das Brutgeschehen vom Storchennest bis zum Waldkauz zugänglich machen. Hier dienen die Kästen vielleicht auch Schutzräume für gefährdete Arten oder Prozesse.

Die Zeichnungen stellen eine weitere Ebene im Erfassen und Dokumentieren von Naturphänomenen dar. Sie erinnern an Naturkundebücher, etwa von Maria Sybilla Merian, bei denen möglichst exakt eine Pflanze oder ein Insekt wiedergegeben werden soll. Sina Heffner beschränkt sich dabei auf das Schwarzweiß, so dass die Strukturen und Formen im Vordergrund stehen und wieder eine gewisse Abstraktion von der Natur erfolgt. Bei eingehender Betrachtung wird deutlich, dass sie nicht mit einer bekannten Art übereinstimmen. Wie bei den Keimlingen im Brauereiteich sind Mischformen zwischen Pflanze, Tier und Mensch zu sehen.

Die Vorstellung von Zwitterwesen findet sich häufiger im Werk von Sina Heffner und hat Vorläufer bei Fabelwesen wie Einhörner, Drachen und Sphinxe, aber auch in den sog. Wunderkammern. In diesen Sammlungen wurden unbekannte oder exotische Tiere und Pflanzen, archäologische Funde wie kultureller Schöpfungen aus fremden Ländern zusammengetragen. Die fehlende Kenntnis über die Herkunft und Zusammenhänge ließen Nautilus, Schildkrötenpanzer, Stoßzähne und anderes zu wundersamen Objekten werden, die sich in der Vorstellung zu phantastischen Geschöpfen oder Pflanzen formten. Frühe Reiseberichte aus unbekannten Ländern trugen ebenso wie Sagen und Überlieferungen zu den Vorstellungen bei, die sich bereits in mittelalterlichen Bestiarien niederschlugen. Sie wurden zu Allegorien im christlichen Kontext, von denen die Gemälde eines Hieronymus Bosch zeugen, deren allegorische Bedeutungsvielfalt heute nur noch teilweise gelesen werden kann.

Weitere Keimlinge von Sina Heffner befinden sich auf dem Gestell, die vielleicht darauf warten in einem Habitat ausgesiedelt zu werden oder sie wurden entnommen, um sie weiter zu erforschen. Die Tätigkeit unbekannte Daseinsformen zu erfassen als auch neu zu züchten, Mutationen und Genveränderungen bewusst herbeizuführen oder zu nutzen, scheint nicht mehr ungewöhnlich. Dennoch sind Neuzüchtungen und Manipulationen nicht unumstritten. Die Werke von Sina Heffner knüpfen jedoch nicht an die katastrophische Ästhetik der Sciencefiction Dystopien an, in dem sie besonders grauenhaft erscheinen. Ihre Keimlinge überwältigen und erschrecken nicht, sondern wirken zurückhaltend in ihrem Wesen. Sie verdeutlichen die Ambivalenz zwischen Schöpfungsgedanken und Freude an der Vielfalt unermesslicher Möglichkeiten, lassen aber auch etwas von der Faszination am Unbekannten und der Rätselhaftigkeit der Natur sichtbar werden, die sich dem menschlichen Einfluss entzieht.

Anhand der Werke von Sina Heffner können die eigenen Vorstellungen von Natur und Veränderung überprüft werden. Was wird als natürlich empfunden, was beunruhigt oder begeistert?

Julienne Franke, 2026

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