Das Lauschen der Dryaden
Eine Installation von Frank Nordiek
Der Ort
Die Installation befindet sich an einer Abbruchkante oberhalb einer stillgelegten Mergelgrube am Gehrdener Berg. Von hier aus eröffnet sich ein weiter Blick über das Calenberger Land bis hin zum Deister – ein Ort zwischen Offenheit und Tiefe, Natur und Geschichte.

Die Idee
Zwischen Hecken und dem angrenzenden Wald schlängelt sich ein schmaler, röhrenartiger Körper aus unzähligen Ästen hervor. Wie ein geheimnisvolles Wesen windet er sich durch Buschwerk und Bäume, bis er an der Kante der Mergelgrube mündet. Dort öffnet er sich in zwei große, trichterförmige Enden.

Diese Trichter erinnern an organische Formen – vielleicht an Hörmuscheln, vielleicht an Fangvorrichtungen. Doch was hier eingefangen wird, bleibt unklar: sind es Klänge, Gedanken oder gar unsichtbare Strömungen?
Der Titel „Das Lauschen der Dryaden“ verweist auf die mythischen Waldgeister, die Dryaden. Es scheint, als würden die Trichter die Stimmen der Landschaft sammeln und über den hölzernen Schlauch in den Wald zurückleiten – als Echo einer unsichtbaren Kommunikation zwischen Mensch und Natur.
Die Umsetzung
Die beiden Trichter bestehen aus zahlreichen trockenen Buchenästen, wie sie am Gehrdener Berg reichlich vorkommen. An ihren Kreuzungspunkten sind die Äste mit rostigem Eisendraht verbunden, der aus der Ferne kaum sichtbar ist und die organische Anmutung verstärkt.

Die Trichter haben einen Durchmesser von etwa zwei Metern und verjüngen sich zu einem schmalen „Schlauch“ von rund 15 Zentimetern. Um ihre Form dauerhaft zu sichern, sind die Öffnungen mit Stahlringen verstärkt. Getragen werden die Trichter von schlanken Ahornstangen, die bis zu vier Meter hoch in den Boden eingelassen sind. In unterschiedlichen Winkeln angebracht, stabilisieren sie die Konstruktion und lassen zugleich ein lebendiges, beinahe atmendes Gefüge entstehen.

So verbindet die Arbeit präzise handwerkliche Technik mit poetischer Symbolik – und lädt Besucherinnen und Besucher dazu ein, den Stimmen der Natur zu lauschen und ihrer eigenen Fantasie Raum zu geben.
Kontakt zum Künstler: https://landart.de/
Aufbau am Gehrdener Berg





Hier der Text der Ansprache von Prof. Wilfried Köpke zur Vernissage:
Frank Nordiek: Das Lauschen der Dryaden
Drei Gipfel – Drei Künstler:innen – Drei Kunstwerke. Das wird ein spannender Tag heute. Die ersten Herbsttage laden ein rauszugehen und zu schauen, die letzte Sommersonnenwärme auf der Haut zu spüren, die letzten Sonnenstrahlen zu tanken und letzte Sommererinnerungen.
Frank Nordieks Arbeit Das Lauschen der Dryaden scheint bereits ein wenig weiter. Die Äste tragen keine Rinde mehr, keine Blätter, kein Grün. Und dann der Titel: Das Lauschen der Dryaden. Dryaden, das waren im antiken Griechenland Baumnymphen. Sie waren schön und sie wurden alt, bis zu neunhundert Jahren, wie die alten Baumriesen, die hundertjährigen Eichen und Linden. Die Dryaden lebten in den Wäldern und schützten sie, schützten die Bäume. Manche vom Ihnen, die Hamadryaden, waren sogar mit je einem Baum verbunden. Verletzte man ihn, so die Sagen, floss Blut aus der Schnittstelle am Baum, das Blut der Hamadryade. Die Hamadryade war wie die Seele des Baumes, die versuchte ihn zu schützen. Drys – der Wortstamm der Dryade – ist das altgriechische Wort für Eiche.
Die Peitschende Weide die auf Hohghwards steht, ist eine zeitgenössische Deutung dieser Verbindung von Baum und Dryade. Peitschende Weiden greifen jeden und alles an, die oder das in die Nähe ihrer Äste kommen. Sie ist ein Laubbaum und ihre Äste fungieren als Arme und jeder Schaden, der ihnen zugefügt wurde, muss in derselben Weise behandelt werden wie bei einem menschlichen Arm.
Die Dryaden in der Antike schützen die Unversehrtheit des Waldes, in der griechischen Mythologie eben auch der Ort, dem Numinosen zu begegnen.
Für seine Arbeit hat Frank Nordiek keinen Baum verletzt. Die Buchenäste waren Totholz am Baum, das irgendwann hinunterfiel. Die Rinde hatte sich schon gelöst. Er hat sie noch nicht mal gebogen für die Trichteröffnung, sondern nur bereits gebogene Äste als Material für die Trichterkrümmung verwendet. Ein Teil der Äste stammt aus den Buchen vom Gehrdener Berg. Seit 2001 arbeitet Frank Nordiek als freier Künstler und meist in der Form der temporären Intervention in bestehende Landschaftsräume.
Aus dem Unterholz schlängeln sich die beiden Trichter nach vorne. Die Trichter der Arbeit von Frank Nordiek weisen über die Abbruchkante der Mergelgrube weit hinaus ins Calenberger Land. Ein wunderbarer Platz.
Und dennoch wirkt die Arbeit auf mich auch bedrohlich und fordernd. Ich habe gar nicht den Eindruck, dass die Dryaden lauschen, dass ich ein überdimensioniertes Hörrohr vor mir habe, wie weiland Beethoven sie benutzt hatte, keine KIND-Hörgeräte der Antike, des Waldes. Auf mich wirken sie eher wie Fanfahren, Lautsprecher. Das Rufen der Dryaden?
Dieser Eindruck kommt auch aus der Aufständerung. Frank Nordiek meinte im Vorgespräch: „Die Aufständerung zeigt auch Bauart und Wesen der Dryaden“. Und das wirkt dann seltsam dystopisch, wie in den postapokalyptischen Endzeitfilmen, wo man mit zusammenmontierten Wagen durch eine karge, menschenleere, kriegszerstörte Landschaft fährt. Die letzten Überlebenden verschanzen sich in Forts mit Holzbarrikaden und Wachtürmen aus Restholz und Baumstämmen, Ästen. Und lauschen auf und suchen in der Ferne die Bedrohung. Archaisch, prähistorisch, vergangen.
„Diese trockenen Buchenstöcke“, so der Künstler, „sind mein Material um die Anmutung des Mal-Gewesenen zu zeigen, das trotzdem dazugehört.“ Mitten im noch sommerlichen Wald- und Naturleben ein künstlerisches Memento Mori.
Mut zur Vergänglichkeit. Und das Aufbäumen der Trichter, das mehr einen Fanfarenstoß als ein Hören vermuten lässt. Was haben die Dryaden zu sagen? Wovor warnen sie? Und dann vieelicht doch: Was hören sie? Was nehmen sie wahr?
In alten Zeiten beschützen sie die Wälder. In den alten Zeiten als das Wünschen noch geholfen hat. Jetzt klagen die toten Äste. Die Dryaden scheinen kraftlose geworden.
In einem alten japanischen Gedicht heißt es:
Astwerk,
zusammengetragen und verbunden:
eine Reisighütte.
Aufgelöst: wie zuvor
Wieder die Wildnis.
Die Schönheit dieser Arbeit – und danach strebt Kunst ja nach wie vor – liegt nicht immer im Glatten. Die Schönheit ist nicht das Glatte, sie trägt ihre Negation in sich. „Die Schönheit ist das gerade noch erträgliche Unerträgliche“, erst im Ausmessen der Gegensätze von oben und unten, Glück und Leid, gewinnt Kunst, die Schönheit vermitteln will, Qualität.
Aus dem Widersprüchlichen und Störenden, dem Ironischen und Ernstem, dem Unkontrollierten und Planbare, dem Offensichtlichen und Verborgenen, der schönen Form und den Zeichen der Vergangenheit wächst die Qualität dieser Arbeit. Sie in dieser einladenden Landschaft zu genießen ist zugleich der Aufruf, den Dryaden zu lauschen oder mitzubekommen, was sie erlauschen. Zu bewahren. Auszuhalten.
Prof. Wilfried Köpke


