»Und so haben wir uns also aus dem paradiesischen Zustand geworfen. Verdinglichung. Beschneidung. Doch ist da immer noch Sehnsucht. Eine tiefgreifende, wurzelnde Essenz, die in Momenten absoluter Stille unter der Haut zu drängen beginnt. Ursuppe.«
– Jessika Dirks
Jessika Dirks ist Malerin, Philosophin und Bildhauerin. Darüber hinaus arbeitet sie mit Fotografie, Film und Performance. Ihre künstlerische Praxis bewegt sich bewusst zwischen diesen Disziplinen. Ausgangspunkt ist dabei immer wieder die Frage, wie wir uns selbst als Menschen verstehen – und welche kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Vorstellungen dieses Selbstbild bestimmen.
In ihren Arbeiten geraten vertraute Grenzziehungen ins Wanken: zwischen Mensch und Tier, Natur und Kultur, Körper und Geist, Wirklichkeit und Fiktion. Dirks interessiert sich für die Ordnungssysteme, mit denen wir unsere Welt strukturieren, für ihre Entstehung und dafür, was geschieht, wenn diese Ordnungen ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
Eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit liegt in einer frühen Erfahrung von Natur als unmittelbarer Verbundenheit. Einer Erfahrung, in der die Trennung zwischen dem eigenen Körper und der umgebenden Welt für einen Moment aufgehoben scheint. Dieser mimetische Zustand steht für Dirks im Gegensatz zu gesellschaftlichen Zuschreibungen, Ideologien und kulturell geprägten Vorstellungen von Identität.

Aus dieser Spannung entstehen ihre Bilder, Objekte und Installationen. Sie sind häufig körperlich, ambivalent und mitunter düster. Menschliche, tierische und mythische Formen können ineinander übergehen. Erinnerung, wissenschaftliches Denken, Mythos und Fiktion stehen gleichberechtigt nebeneinander. Dirks entwickelt daraus keine Gegenwelt und keine eindeutigen Antworten. Vielmehr schafft sie Räume, in denen bestehende Vorstellungen überprüft und andere Beziehungen zwischen Mensch, Natur und Welt denkbar werden.

Der Bürgersaal als Teil der Ausstellung
Für „DEM HIMMEL SO“ setzt sich Jessika Dirks unmittelbar mit dem Bürgersaal des Rathauses Gehrden auseinander. Der Raum ist dabei nicht nur Ausstellungsort, sondern Bestandteil der künstlerischen Arbeit.
Ein Rathaus ist ein Ort gesellschaftlicher Ordnung. Hier wird diskutiert, entschieden, verwaltet und darüber verhandelt, wie Menschen miteinander leben wollen. Demokratie wird hier nicht abstrakt gedacht, sondern konkret praktiziert.
Gleichzeitig besitzt der Bürgersaal in Gehrden eine ungewöhnliche architektonische Situation. Der Blick führt über das Rednerpult und durch die Fenster zur unmittelbar benachbarten Margarethenkirche. Stahlträger und vertikale Linien bestimmen den Raum; nach oben öffnet sich die Architektur durch Glas in Richtung Himmel.
Damit treffen an diesem Ort unterschiedliche Systeme der Orientierung unmittelbar aufeinander: politische Ordnung und religiöse Tradition, menschlich geschaffene Architektur und Natur, das Diesseitige und die Vorstellung eines Darüber.
Genau diese Spannung nimmt Jessika Dirks zum Ausgangspunkt ihrer Installation.
Malerei, Fotografie, Skulptur und Objekt treten in Beziehung zum vorhandenen Raum. Die Arbeiten werden nicht einfach im Bürgersaal präsentiert, sondern reagieren auf seine Architektur, seine Funktion und seine symbolischen Ebenen. Der Saal wird selbst zum Material der Ausstellung.
Dabei geht es auch um Vorstellungen, die tief in der europäischen Kulturgeschichte verankert sind: um das Verhältnis von Mensch und Natur, um Religion und Demokratie, um Körper und Vernunft und um die Frage, wie sehr überlieferte Narrative bis heute bestimmen, was wir für selbstverständlich halten.
Der Bürgersaal wird so für die Dauer der Ausstellung zu einem Ort zwischen seinen Funktionen – zwischen politischem Raum und Kunstraum, zwischen Ordnung und Offenheit.

DEM HIMMEL SO
Der Titel lässt einen Satz beginnen, ohne ihn zu beenden.
Dem Himmel so nah?
Dem Himmel so fern?
Beides bleibt möglich.
Die Ausstellung nutzt diese Offenheit. Sie versteht Kunst nicht als Illustration einer fertigen Position, sondern als Möglichkeit, Gewissheiten ins Wanken zu bringen, andere Perspektiven einzunehmen und neue Erzählungen über Herkunft, Identität, Koexistenz und Zukunft entstehen zu lassen.
Der Himmel über dem Bürgersaal ist sichtbar – und dennoch durch Glas getrennt.
Vielleicht beginnt genau dort die Ausstellung.
Gezeigt werden Malerei, Fotografie, Skulptur und Installation.
Termine
Vernissage
Sonntag, 1. November 2026 · 11 Uhr
Lesung mit Lucie Kolb
Dienstag, 10. November · 19 Uhr
Künstlerinnengespräch · Live-Musik · Katalog-Release
Samstag, 21. November · 20 Uhr
Workshop mit Jessika Dirks
Samstag, 28. November · 15–20 Uhr
Konferenzraum 1.23
Teilnahme nach Anmeldung
Finissage
Freitag, 8. Januar 2027 · 19 Uhr
Ausstellungsort
Rathaus Gehrden
Kunstverein Gehrden e. V.
Vita Jessika Dirks

seit 2025 im Diplomstudiengang Freie Kunst in der Klasse David Zink Yi »Bildhauerei« an der HBK Braunschweig
erfolgreich absolviert: Master Gestaltung an der HAWK Hildesheim mit dem Fokus auf Grafik, Illustration, Buchkunst, Drucktechnik, Designethik und -philosophie
erfolgreich absolviert: Bachelor Bildende Kunst und Philosophie (Philosophie – Künste – Medien) mit dem künstlerischen Fokus auf Artistic Researchs, analoge Fotografie und Bildhauerei an der Universität Hildesheim, u.a. unter Karl Möller
awards & nominations
2026 STRABAG ART Award Nominierte
exhibitions solo/duo
upcoming 2026 Dem Himmel so, Kunstverein Gehrden
2026 ICH:MEDIUM, Stammelbachspeicher Hildesheim
2026 ÄPPELN UND APFELN, Worpswede
2025 ICH:MEDIUM, Hannover
2025 Subjekt: unbekannt, Hannover
2024 Du sollst schön sein, Kwartier Nord, Hannover
2022 SCHAM[los], artothek, Hannover, D

